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Eine Geschichte vom Reduzieren
Nachdem wir feierlich unsere große Entscheidung für unser Abenteuer Lebenslust getroffen und besiegelt hatten, waren Taten angesagt. Wie reduziert man auf ein Minimum und löst ein komplett eingerichtetes, seit fast 30 Jahren gemeinsam gewachsenes Leben auf? Es kam uns wie eine Herkules-Aufgabe vor mit tausenden von Einzelaktivitäten, an die gedacht und die umgesetzt werden mussten. Um Sicherheit und etwas Ruhe in unsere Köpfe zu bekommen, habe ich eine Wand im Büro zur Aktionswand umgestaltet: Themenbereiche definiert, mit farbigen Post-Its untergliedert und in einer Timeline angebracht, die im Laufe der Zeit immer feingliedriger wurde. Jedes Post-It eine Aktion, meist mit einigen Unteraktionen. Und so wurde die Wand immer voller und bunter und es war schon eine kleine Sensation, wenn wir ein Post-It auf die Erledigt-Seite kleben konnten! Uns wurde langsam bewusst, was wir tatsächlich alles angeschafft, versichert, gebucht, abonniert, gesammelt, aufbewahrt, gestaltet haben – und was es nun auszusortieren, zu verkaufen, zu kündigen, aufzulösen und zu verschenken galt.
Sind 4 Koffer genug für ein neues Leben?
Wir haben uns für ein Leben als Overlander durchs südliche Afrika entschieden. Overlanding heißt: „Selbständige Abenteuerreisen zu abgelegenen Orten zu unternehmen, bei denen die Reise das Hauptziel ist.“ Wir tauschen also nicht einfach nur den Standort unseres Hab und Gut. Wir packen nicht einfach einen Container voll und lassen alles nach Südafrika schippern. Sondern wir reduzieren unser Leben auf das für uns Wichtigste. Die Basis bildet unsere neue Wohnfläche: von 185 qm Haus in 12 qm Offroad-Trailer plus Zugfahrzeug 😉 Wie wir zu dem neuen Zuhause kamen, wie es aussieht und wie wir darin heute leben, kannst Du im Blog-Artikel „Wildboar – unser Keiler Trailer“ lesen und hören.
Dieses Reduzieren bedeutet, alles von unserer Einrichtung, sämtliche Klamotten, Hausrat, Heimtextilien, Werkzeug, Sportgeräte, mein Büro bis hin zu Erinnerungsstücken und Fotos „in die Hand zu nehmen“, anzuschauen und auszusortieren. So lange, bis alles Wichtige in 4 Koffer passt.
Wir haben Tage und Wochen damit verbracht, unser Inventar zu fotografieren, in Texten zu beschreiben, alles in Verkaufsplattformen einzustellen und Käufer zu empfangen.
Wie oft haben wir das Haus von oben bis unten komplett aufgeräumt und geputzt. Sei es für den Termin mit dem Filmteam, welches einen Imagefilm über unser Haus und das Leben darin drehte, oder für die Architekturfotografen, die das Bildmaterial fürs Exposé erstellten oder dann für die Besichtigungsrunden mit den Interessenten.
Einen gesamten Feiertag haben wir dafür genutzt, unsere tausende von Dias anzuschauen: an die Küchenfront projieziert hat einer von uns die Highlights unserer vielen Reisen und Lebensglanzpunkte aus dem Magazin genommen, der andere dann diese Dias digitalisiert. Bis weit nach Mitternacht…
An einem anderen Tag saßen wir stundenlang auf dem Boden und durchstöberten unsere Erinnerungskisten. Was haben wir gelacht und geweint – so viele Momente und Stücke aus unserem Leben!
Es gab Tage, da scannten und packten wir alle Bücher, CDs und Vinylplatten für den Verkauf ein. In vielen weiteren verschiedenen Etappen haben wir unsere Ankleide durchstöbert, Klamotten probiert und für Second Hand verpackt. Genauso über Tage unsere Küche, das Büro, den Wohnbereich und die Werkstatt in Angriff genommen. Zudem haben wir zwei Garagenflohmärkte organisiert.
Auch unsere Autos galt es zu verkaufen. Vor allem bei unserem alten, geliebten Landy, ein Land Rover BJ 1967, fiel es uns besonders schwer. Was es mit ihm auf sich hatte, warum dieser für uns so wichtig war und wie wir mit ihm unsere Vision im 1. Step wahr gemacht haben, findest Du im Blog-Artikel „Mach‘ Deine Vision in kleinen Schritten wahr“.
All diese Aktionen über Wochen, neben unseren Jobs und dem Vermarkten unseres Hauses… wir fühlten uns oft sehr sehr müde.
Was passiert, wenn man alles in seinem Leben auf ein Minimum reduziert?
Und doch war dieses Reduzieren ein sehr befreiender, tiefer Prozess: Einerseits haben wir unser Leben in vielen Bereichen noch einmal durchlebt, uns an eine Vielzahl besonderer Momente und Menschen erinnert. Wie erfüllend ist es, sich dafür einmal die Zeit zu nehmen. Und es hat uns Schritt für Schritt mehr befreit. Wir spürten, wie uns das Minimalisieren leicht und frei machte. Immer wieder waren wir erschrocken, wie viel Konsum und vermeintlich Notwendiges wir uns angeschafft hatten. Und wie gesättigt all die Menschen sind und sie keinen Bedarf an den Sachen hatten. Wir sind sehr dankbar, dass wir über unseren zweiten Flohmarkt Heike kennenlernten, die bei der Tafel ehrenamtlich arbeitet. Und so haben wir kistenweise Großes und Kleines an die Organisation verschenkt und damit scheinbar riesige Freude zu den Menschen gebracht. Wie schön, Danke Heike!
Andererseits hat es auch oft sehr weh getan, uns von Dingen zu trennen, die uns wertvoll und ganz besonders erscheinen. Von denen wir wussten, warum wir sie angeschafft, wie lange wir darauf hingearbeitet haben oder welche auch unsere Persönlichkeit widerspiegelten. Da halfen wir, unsere schönen Gegenstände bei den Käufern ins Auto zu laden, sahen, wie sie sich freuten und davonfuhren. Und wir schauten hinterher, wie wieder ein Teil unseres Lebens zur Vergangenheit wird. Doch genau diese gefühlten Sperren sind die, von denen wir wussten, dass deren Überwindung uns frei werden lässt. Denn wir hatten unser Warum und unser Abenteuer Lebenslust immer glasklar vor Augen.
Die letzten Wochen vor unserem Abflug waren dennoch grenzwertig: Grenzwertig in der physischen und psychischen Belastung. Wir arbeiteten tage- und nächtelang und spürten, wie unsere Energie langsam zur Neige ging. Sehr aufreibend war der Hausverkauf, der leider aufgrund der plötzlichen Immobilienkrise sehr schleppend voran ging und auf den wir den Hauptfokus legten. Und genau darin lag die Krux:
Wir hatten zwar beim Aussortieren grob zusammengestellt und auf die Seite gelegt, was wir auf unser Abenteuer in den möglichen 4 Koffern mitnehmen wollten, doch die meiste Zeit waren wir mit dem restlichen Ausmisten, Besichtigen und Verkauf der Sachen beschäftigt. Und wir leerten, putzten und bereiteten das Haus zum Verkauf auch nach unserer Abreise vor, denn leider hatte uns noch immer kein passender Käufer gefunden.
Dann war es so weit: der letzte Tag in Deutschland, in Hohenstadt, in unserem Haus!
Wir wollten die restlichen Handgriffe machen, unsere 4 Koffer packen und uns ein letztes Mal von unseren geliebten Nachbarn Frida & Schore verabschieden, die immer für uns da waren und sich nun auch noch um die Entsorgung, Abholung und Verteilung der letzten Sachen kümmern werden. Plan war, gegen Nachmittag in aller Ruhe mit unserem Mietwagen nach München ins Hotel zu fahren. Von dort am nächsten Tag zum Airport, Abflug morgens um 9 Uhr. Doch wir wurden einfach nicht fertig und es war bereits Abend, als wir begannen, die Koffer zu packen. Wir stopften also die beiseite gelegten Lieblingsstücke aus den Bereichen Kleidung, Ausrüstung, Werkzeug, Kosmetik, Privates in die Koffer – und es war zu viel, viel zu viel! Oh nein, das waren doch nun alles die letzten, geliebten Teile, die unbedingt mitmüssen! Wir hatten uns völlig verschätzt, wie viel beziehungsweise wie wenig in 4 Koffer passt. Und hätten das viel früher einmal Probepacken sollen, um zu sehen, was geht und was nicht. So saßen wir nun völlig fertig und überfordert in der letzten Nacht im kalten, leeren Schlafzimmer unseres Hauses vor 4 Koffern, räumten diese immer wieder ein und aus und hatten die für uns unmöglich erscheinenden Entscheidungen zu treffen, entweder dieses oder jenes mitzunehmen. Und bei jedem Stück fiel es schwerer… Nach 1 Uhr nachts waren die Koffer gepackt, abgewogen und der Rest der Herzenssachen lag auf dem Boden. Bereit für eine weitere Kiste zum Verschenken – um damit andere glücklich zu machen. Das war mein Trost. Wir fuhren total erschöpft ein letztes Mal aus unserer kleinen Straße, aus unserem Dorf auf die Autobahn in Richtung München.
Von der Last zum Glück
In diesem Moment hatten wir unsere höchste Stufe des Reduzierens erreicht. Ja, es passt alles in 4 Koffer. Ja, man hängt an vielen Dingen. Ja, es tut weh, diese loszulassen. Ja, reduzieren fällt schwer. Und JA, es macht unglaublich leicht, glücklich und frei!
Im Nachhinein kann ich sagen, wir hätten sogar weiter reduzieren und mit noch leichterem Gepäck starten können. Materielles hat einen viel zu hohen Stellenwert in unserem Leben. Wir geben Unmengen an Geld dafür aus. Welches wir mit unserer Lebenszeit erst mal verdienen müssen. Für uns war es an der Zeit, uns wieder zu besinnen, was wirklich für ein Leben wichtig ist. Und was es dafür tatsächlich an Gegenständlichem braucht.
Mit der Entscheidung, ein neues Leben zu starten, haben wir gleichzeitig die Entscheidung getroffen, alles aus unserem bisherigen Leben bis aufs Minimum zu reduzieren. Auch wenn es manchmal schwerfällt oder – wie z.B. beim Hausverkauf – nicht alles sofort rund läuft. Unser Commitment steht: Wir ziehen unsere Entscheidung durch und zahlen unseren Preis, egal was kommt.
Mögliche Fragen für Deine persönliche Entdeckungsreise:
Kannst Du Dir vorstellen, Dich vom ein und anderen Deiner Lieblingsstücke zu trennen? Und was macht das mit Dir?
Hast Du das Gefühl, immer mehr anzuschaffen als loszulassen?
Was heißt reduzieren für Dich? Wie weit dehnt sich das für Dich aus?
Brauchst Du alles, was Du um Dich hast? Tut es Dir wirklich gut?
Mögliche Fragen für Deine persönliche Entdeckungsreise:
Kannst Du Dir vorstellen, Dich vom ein und anderen Deiner Lieblingsstücke zu trennen? Und was macht das mit Dir?
Hast Du das Gefühl, immer mehr anzuschaffen als loszulassen?
Was heißt reduzieren für Dich? Wie weit dehnt sich das für Dich aus?
Brauchst Du alles, was Du um Dich hast? Tut es Dir wirklich gut?
4 Antworten
Liebe Harriet,
Was ein Text!
Ich sitze hier , lese Tjibbe Deinen Text vor und bin in Tränen aufgelöst! Was ein Schritt! Ich kann mir sehr gut vorstellen? Wieviel Kraft euch das gekostet hat!!! Ganz ganz große Bewunderung!!! Ganz so weit sind wir noch nicht, bewundern euch aber sehr dafür!
🤗
Liebe Heike,
ich hatte das Glück, Dich nach Deinem Kommentar live umarmen und drücken zu können – ebenfalls in Tränen aufgelöst 🥰
Wenn auch verspätet auch hier noch ganz lieben Dank für Deine berührenden Worte!
Liebe Harriet, Lieber Stefan,
nun verfolge ich Euer Leben nun schon einige Zeit auf Instagram mit Euren immer so schönen Impressionen…..einfach traumhaft! Aber es gehört eine so große Portion Mut dazu, alles hinter sich zu lassen und komplett neu anzufangen. Dafür habt ihr meinen vollen Respekt! Und doch denke ich ins Geheimen, wäre ich doch auch so mutig und entscheidungsfreudig! Ich finde, dass ihr genau alles richtig macht und ich erfreue mich jedes Mal, wenn ich Eure Abenteuer auf Instagram begleite. Danke Harriet für diesen Link zu dieser Webseite. Jetzt bin ich immer informiert. Auch, wenn ich nicht immer die Zeit finde, Eure Abenteuer gleich zu lesen, weiß ich ja, wo ich Euch finde :-)! Bleibt gesund und haltet an Eure Träume fest! Ihr macht alles richtig! Herzliche Grüße Brigitte
Liebe Brigitte,
was für liebe Worte – so schön, ganz herzlichen Dank dafür, ich freue mich sehr darüber!!
Seltsam, doch ehrlich: bei der Entscheidung und dem Durchziehen haben wir uns gar nicht so mutig gefühlt… wir sind einfach 100 %, ohne Kompromisse und Hintertürchen den Weg für unser Ziel gegangen.
Es ist wunderbar, dass wir uns kennen und auch nach so vielen Jahren immer noch den Kontakt halten – immer wieder toll, von Dir zu hören 🙂
Auch für Dich: bleib‘ gesund und ganz liebe Grüße, Harriet